Theaternotiz: Werther

Wenn ich hier in Essen eine Premiere verpasse, kann es leider vorkommen, dass mir das entsprechende Stück durchrutscht. So feierte Die Leiden des jungen Werther bereits im Februar 2014 in der Essener Casa Premiere, doch ich sah es erst heute vor einer Woche im Grillo auf der großen Bühne, wohin es wegen großen Erfolges umgezogen ist. Kein Wunder, denn das, was Karsten Dahlem (Regie) und Marc-Oliver Krampe (Dramaturgie) aus Goethes Briefroman gemacht haben, ist einfach mitreißend.

Liebe, zum Verzweifeln: Johann David Talinski und Silvia Weiskopf in „Die Leiden des jungen Werther“ nach dem Roman von Johann Wolfgang Goethe (Foto: Thilo Beu)

Das liegt sicher auch an dem, was die Werther-Boys – Jörg Marc Butler, Pascal Wenske und Justin Nestler – unter der musikalischen Leitung von Hajo Wiesemann an Livemusik auf die Bühne bringen: Werther rockt, und das ganz wörtlich. Zugleich passt genau das hervorragend zum alten Johann Wolfgang Goethe, der den Briefroman im zarten Alter von 25 Jahren verfasste und eine Begeisterung auslöste, die heute vermutlich am ehesten mit einem viralen Hype zu vergleichen wäre.

Begeisterung, das ist auch so ein Stichwort, das den Werther – das Werk wie die Figur – trefflich beschreibt: Werther ist jung, im Aufbruch begriffen, die Natur und das Gefühl sind ihm alles, Gesellschaft und Konvention dagegen so gut wie nichts oder doch nur Hindernis, Zwang. Raus aufs Land geht konsequenterweise sein stürmischer Drang, wo er gleich von Gartenarbeit und Selbstversorgung zu schwärmen beginnt — ziemlich universelle und zugleich sowas wie ewig junge Themen, will mir scheinen. Und die Begeisterung, mit der Johann David Talinski diesen Werther spielt, ist einfach ansteckend. Es erinnerte nicht einfach nur daran, wie sich Jungsein anfühlt, es reißt einen förmlich hinein in dieses Gefühl. Und selbst wenn man um das tragische Ende der Liebe zu Lotte (Siliva Weiskopf) weiß, die von Anfang an an den „braven Albert“ (Stefan Diekmann) vergeben ist, wünscht man Werther und Lotte  unterwegs doch nichts sehnlicher, als dass sie zusammenkommen könnten. Was dagegen nichts zu wünschen übrig lässt, ist die Ensembleleistung der drei hervorragenden Schauspieler, denen das Kunststück gelingt, Goethes Text so frisch auf die Bühne zu bringen, dass man fast meinen möchte, er sei ihm gerade erst aus der Feder geflossen.

Wie schön, dass mich die Verleihung des Aalto Preises für junge Künstler an Silvia Weiskopf endlich dazu bewegte, mir diesen wunderbaren Werther anzuschauen – und weil ich nach der Vorstellung nicht dazu kam, sage ich an dieser Stelle „Herzlichen Glückwunsch, liebe Silvia, zu dieser allemal verdienten Auszeichnung!“ 🙂

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