Ausgetanzt

Während ich nun endlich die Zeit finde, über  Ptah IV zu schreiben, das bereits vor gut zehn Tagen im Essener Grillo-Theater Premiere hatte, wird genau dort alles für die dritte und letzte Vorstellung dieses besonderen Tanzabends aufgebaut und eingeleuchtet. Schade, dass Julia Schalitz‚ „Philia“, Yanelis Rodriguez‚ „Life is Calling“, Qingbin Mengs „M.Selbst“, Kevin Durwaels „Living Waters“ und Igor Volkovskyys „Kak Dela!?!“ danach wohl nicht mehr zu sehen sein werden …

Junge Choreografen voller Energie und Ideen, die hoch hinaus wollen: Qingbing Meng in seinem Solo „M.Selbst“ (Foto: Mario Perricone)

Dabei ist das eigentlich ja das Grundanliegen der Reihe Ptah, alle zwei Jahre  Ballettänzerinnen und -tänzern des Aalto-Theaters die Möglichkeit zu geben, sich als Choreografen zu erproben und so eine Bühne für ein mögliches  Danach zu schaffen, sind doch Tänzerkarrieren nun mal von begrenter Dauer. Ich liebe dieses Format, frische neue Ideen getanzt im Grillo, das so für den Moment wieder zu dem Opernhaus wird, als das es vor nunmehr 125 Jahren eröffnet wurde. 🙂

Aber, ich schweife ab. Dabei gibt es doch so manches zu sagen zu den fünf Stücken, die mir auch nach zehn Tagen noch außerordentlich lebendig vorm geistigen Auge stehen. Oder eben viel mehr tanzen …

Freundinnen auch im Rampenlicht: Julia Schalitz, Mariya Tyurina, Yurie Matsuura (hinten) in „Philia“ von Julia Schalitz

Der Name sagt’s schon: Um Freundschaft geht’s in Julia Schalitz‘ zweiter Choreografie „Philia“, und das ist eine wunderbare Eröffnung für „Ptah IV„: leicht und natürlich, voller Leben kommt die Choreografie für eine handvoll Tänzerinnen daher. Ein Kreis genügt als Spielwiese wie als Symbol ihres Zusammenhalts. Individuen dürfen die Tänzerinnen hier sein, miteinander agierend, tanzend, mal komisch, mal ernst, nie neidend, sondern unterstützend, so wie Freundinnen eben. Dass dahinter harte Arbeit und eine präzise, nie eitle Choreografie, die auf den Punkt oder vielmehr den Kreis zu kommen versteht, stecken, merkt man nicht. Soll man ja auch nicht. Aber hoffen und sich wünschen, dass da bald noch vielmehr zu sehen sein wird von Julia Schalitz als Choreografin, das wird man ja wohl noch dürfen …

Körper als Uhrzeiger? Hervorragende Tänzer allemal: Moises León Noriega und Yuki Kishimoto in „Life is calling“ von Yanelis Rodriguez

Yanelis Rodriguez hat sich für ihre 4minütige, erste Choreografie „Life is Calling“ ein ganz großes Thema gewählt: die Zeit, Herrscherin über alles, spürbar in allem, und doch so viel abstrakter, unfassbarer, als Luft oder Wasser oder meinethalben der Raum. Hätte ich das Thema geahnt, hätte es die junge Choreografin nicht im vorangestellten Video genannt? Egal. Vergangenheit und Gegenwart als Spitzentanz im Fluss der Zeit, als Schlaglichter im Dunkel, das passt erstaunlich, überraschend gut. Wo die Gegenwart dann zur Zukunft wird, konnte ich nicht sehen. Nichtsdestoweniger interessiert mich ihre Zukunft, denn von der mutigen Yanelis Rodriguez wüsste ich gerne, wohin ihr Weg sie führt – sei’s als Tänzerin oder eben als Choreografin!

„M. Selbst“ – bereits im Titel deutet Qingbing Meng an, dass da ein Solo der besonderen Art auf die Zuschauer zukommt, denn (süd)chinesisches Schattenspiel getanzt, das habe ich bisher zumindest noch nie hier in Essen gesehen. Das Solo zu chinesischer Musik hinter wie vor der Opera erschien mir wie ein Geschenk, dass Tänzer und Choreograf Quingbing Meng dem Publikum aus seiner Heimat mitbrachte. Berührend, noch nicht perfekt, aber welcher erste Versuch in einer neuen Kunstform, einer neuen Rolle ist das schon? Ich würde mich freuen, käme über ihn mehr Chinesisches und vielleicht auch noch ganz anderes auf die Essener Tanzbühnen.

Klassisch elegant: Yanelis Rodriguez und Moises León Noriega in „Living Waters“ von Kevin Durwael

Gastchoreograf Kevin Durvael zeigt sich mit „Living Waters“ zu Vivaldi als der erfahrenste, reifste der jungen Choreografen des Abends. Hier sitzt alles schon ganz genau, auch und insbesondere der Umgang mit Auftritten und Abgängen sowie den Wechseln der Partner – denn im Tanz steckt der Teufel am liebsten in den oft eher unspektakulären, aber eben notwendigen Details. Klassisch, anmutig, elegant, damit konnten Tänzer und Choreograf glänzen.

Schlafwandler? Traumtänzer! Denis Untila, Liam Blair und Yehor Hordiyenko in „Kak DeLa!?!“ von Igor Volkovskyy

Igor Volkovskyy dagegen mag’s wild, was sich auch in der immer wieder von andern Kunstformen, von Foto- und Filmmomenten etwa inspirierten Choreografie eines Traumes namens „Kak Dela?!?“ zeigt. Volles Programm, was die Zahl der Tänzer, der Requisiten, der Ausnutzung des gesamten Raums, der technischen Möglichkeiten etc. angeht. Gedankenanregend, weil doch die Pyjamas der Tänzer Gefängnis-, gar KZ-Bekleidung manchmal bei allem Hang zum Komischen, aus Spektakulären, arg ähneln (erst recht, weil hier in diesem Stück immer wieder viel herumkommandiert wird). Das schrammt gelegentlich den Rand des Beliebigen, wenn die Einfälle – darunter eine ganz wunderbare Miniaturliebesgeschichte ohne Happy End in minimalen Gesten und Bewegungen am Anfang -, immer mal wieder ins Kraut schießen, um dann Purzelbäume zu schlagen, während sie auf dem Seil tanzen, bevor am Ende dann alles nur ein Traum war.

Schade, dass man aus „Ptah IV“ wie aus einem eben solchen erwacht und hinterher keinerlei Gelegenheit mehr hat, erneut einzutauchen in die so ganz verschiedenen Tanzwelten dieser fünf jungen Choreografen, von denen ich hoffe, viele in spätestens zwei Jahren bei „Ptah V“ wiederzusehen … 🙂

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