Aus und vorbei

Die Spielzeit endete letzte Woche, und mit ihr verschwindet auch Umständliche Rettung, das Siegerstück des Autorenwettbewerbs „Stück auf!“ 2016 aus der Feder von Martina Clavadetscher vom Spielplan. Nachdem ich die vorletzte Vorstellung der Inszenierung von Thomas Ladwig zusammen mit gerade mal elf weiteren Zuschauern gesehen habe,  muss ich sagen, das ist kein Verlust.

Die Geschichte von Sodom und Gomorrah in eine heutige, konsumverliebte Stadt westlich des Jordans verlegt und neu erzählt – das ist die Kurzformel, auf die es die meisten Kritiken runterbrachen. Das Treppenhalbrund, das das Bühnenbild der Casa (Ausstattung: Martina Stoian) bestimmt, hat was von Ausgrabungsstätte und Amphitheater zugleich. Was irgendwie dazu passt, dass das Stück überwiegend mit Versatzstücken arbeitet. Der Moloch Stadt, die Verderbtheit der Menschen, klassisch-biblische Motive gepaart mit  zeitgenössischen Bedrohungen: Konsumwahn, Verbrechen, Korruption und natürlich Umweltzerstörung.

So richtig überzeugend ist die pragmatisch auf „zwei Herren, zwei Damen“ beschränkte Figurenkonstellation nicht: Eine Wissenschaftlerin, die kein rettender Engel sein will und am Ende zu Lots Weib wird (wandelbar gespielt von Silvia Weiskopf), ein Ermittlungsrichter mit kolonialem Habitus (perfekt gelangweilt: Jens Winterstein), ein verlorener, schlechter Mensch (physisch höchst präsent: Jan Pröhl), den erst die Hoffnung auf Rettung wiederbelebt und die Hure (nicht immer überzeugend: Jaela Carlina Probst), die eben diese Rettung beim Richter für sich zu reklamieren sucht und scheitert. Aus diesen vieren hätte vielleicht etwas spannendes werden können, dürften sie als Individuen agieren, aber sie sind in der Parabel gefangen wie Laborratten im Versuchsaufbau.

Mehr noch, denn was ebenfalls scheitert, ist der Versuch, aus all den Zutaten ein echtes Drama, ein Theaterstück zu machen. Und das liegt an der Konzeption des Stücks, ist es doch so angelegt, dass die Figuren Episoden erzählen anstatt sie in Szenen dramatisch zu spielen. Handlung wird ständig durch Erzähleinschübe unterbrochen, zerhackt und wie Kaugummi in die Länge gezogen, bis einem die gut 90minütige Inszenierung schier ewig vorkommt. Und nicht einmal die Tatsache, dass der schweizer Dramatikerin immer wieder wunderbar poetische Formulierungen gelingen, änderte daran etwas: noch während man diese hört und versucht, sie sich zu merken, spürt man, wie man sie bereits wieder vergisst. Als fehle ihnen die Einbettung ins Dramatische, das starke Bild einer großartigen Inszenierung – oder, wahrscheinlicher, als seien sie einfach nicht für die Bühne geeignet.

Deshalb ist es letztlich wahrlich nicht schade, dass dieses Stück in Essen nicht mehr zu sehen sein wird — und wenn ich mir vorstelle, dass es das Beste im Wettbewerb 2016 gewesen ist, kann ich zugleich gut verstehen, warum „Stück auf!“ nun auch nicht mehr fortgesetzt wird …

 

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