Und ob sie’s kann: Lydia Davis

Can’t and Won’t heißt die Sammlung von 122 Erzählungen, Kurz- und Kürzesgeschichten aus der gespitzten Feder der wunderbaren Lydia Davis, und bereits die titelgebende Geschichte beweist ihren famosen Sinn für Humor: darin erfährt der Leser, dass man der Ich-Erzählerin einen Literaturpreis wegen Faulheit verweigert, da sie sich weigert, „cannot“ and „will not“ auszuschreiben, und eben statt dessen „can’t“ and „won’t“ verwendet. Ach, wäre das Schreiben pointierter Prosa ohne jedes überflüssige Wort, ja ohne jeden unnötigen Buchstaben doch nur so einfach! 😉

Denn genau das scheint ihr Bestreben: kompromisslos, präzise, ohne Schnörkel, Arabesken und dergleichen mehr zu sagen, was zu sagen ist. Einen doppelten Boden mit sprachlichen Mitteln zu gestalten, die auf den ersten Blick simpel bis unscheinbar scheinen, es aber in sich haben.

Brief Incident in a Short a, Longa a and Schwa etwa genügt als handelndes Personal eine Katze, die eine Ameise beobachtet und dabei von einem Mann betrachtet wird. Die Ameise – die im Original genau wie Katze und Mann ohne Artikel auskommt – läuft einen Pfad entlang. Stoppt. Eilt zurück, geradewegs auf die Katze zu. Die weicht erschrocken aus. Der Mann lacht. Die Ameise sucht sich einen anderen Weg. Die Katze, wieder seelenruhig, schaut dabei wieder zu. 46 Worte hat das Original, und doch (oder gerade deshalb) wird die Szene so ungemein lebendig, als hätte man sie selbst als weiterer Beobachter miterlebt.

Der Zauber von The Magic of the Train dagegen liegt für mich darin, wie seine Form – zwei lange Sätze, in denen einmal beschrieben wird, wie sich zwei Frauen vom betrachtend-erzählenden „Wir“ auf ihrem Weg durch den Zug entfernen, wobei sie von hinten betrachtet jung bis sehr jung scheinen, um dann zurück zu den Betrachtern zu kehren und von vorn wie von Zauberhand um zwanzig Jahre gealtert auszusehen – seinen Inhalt perfekt spiegelt. Darauf muss man erstmal kommen!

Ähnliches gilt für Judgement, das für mich die Wiederbegegnung mit einem uralten Gedanken in den Worten eines anderen Menschen ist:

Into how small a space the word judgment can be compressed: it must fit inside the brain of a ladybug as she, before my eyes, makes a decision.

(Can’t and Won’t, Penguin Books 2015, p. 112)

Wie entscheiden Tiere? Sie würfeln nicht, bevor sie links oder rechts gehen, krabbeln oder fliegen, sie folgen auch nicht wie das Wasser schlicht dem Weg des geringsten Widerstands, aber fortbewegen tun sie sich doch:

Auf welch‘ kleinen Raum das Wort Urteil zusammengepresst werden kann: es muss ins Hirn eines Marienkäfers passen, da er, direkt vor meinen Augen eine Entscheidung fällt.

(meine bescheidene eigene Übersetzung)

Zen-Meister dürften ihre Freude an solchen Miniaturen haben. Und alle andern, die die Welt im Blick haben und den Wunsch verspüren, Beobachtungen und Gedanken in Worten auszudrücken, auch.

Ödön von Horváth hätte das vermutlich ebenfalls gefallen. Mich freute es jedenfalls, ihm bei Lydia Davis zu begegnen – das hatte etwas davon, bei zwei verehrten Kollegen zum Tee geladen zu sein. Oder ihnen wenigstens bei einem Picknick bei einer Bergwanderung zu begegnen: Ödön von Horváth Out Walking entdeckt bei der Gelegenheit in den bayrischen Alpen nämlich das Skelett eines Wanderers und untersucht den Inhalt von dessen ’nahezu neuwertigem‘ Rucksack. Darin findet er neben Kleidung, einem Beutel mit etwas, das Nahrung gewesen sein muss, ein Tagebuch und eine Ansichtskarte mit Alpenmotiv, auf der zu lesen steht „Having a wonderful time.“

Besser kann man die Ironie des Lebens nicht auf den Punkt bringen. Und das Vergnügen beim Lesen wie beim Wiederlesen der literarischen Kleinode von Lydia Davis auch nicht. 🙂

 

 

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