Besuch der alten Dame

Hoffnungslos verarmt hoffen sie doch auf Rettung, die Güllener in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie Der Besuch der alten Dame. Hoffnungslos skeptisch, was Thomas Krupa im Schauspiel Essen daraus machen würde, besuchte ich am Freitagabend die Premiere – und wurde angenehm überrascht.

Güllen, ganz unten, aber voller Hoffnung auf Rettung? Silvia Weiskopf (links, Rückenansicht), Ines Krug, Sven Seeburg & Ensemble in „Der Besuch der alten Dame“

Gerechtigkeit will sich Claire Zachanassian (souverän: Ines Krug), kaufen: Vor 35 Jahren verließ sie durch den Verrat ihres Liebhabers Alfred Ill (Sven Seeburg) als Hure sozial gebrandmarkt, die Stadt – und stellt dem verarmten Ort heute eine Milliarde in Aussicht, wenn die Bürger Ill töten. Während alle zunächst entrüstet ablehnen, beginnt sogleich der Aufschwung auf Pump, denn jeder hofft, ein anderer werde sich schon der Sache annehmen.

Konsumparty: Rezo Tschchikwischwili, Stefan Diekmann, Denise Matthey, Thomas Büchel, Stephanie Schönfeld, Axel Holst (Foto: Birgit Hupfeld)

Wie passend, dass die beeindruckende Bühne (Thilo Reuther) eine heruntergekommene Shopping Mall ist, die vordergründig zwar immer aufgeräumter wird, doch hinter den Fassaden brodelt es – wie die Drehbühnenblicke in Läden, Leben und indirekt auch die Seelen der Bürger vermitteln.

Je vehementer sie bestreiten, ihm ans Leben zu wollen, desto paranoider wird Alfred Ill – und unfähiger, zu fliehen. Obwohl der ICE, hier Teil der Ton-Atmo, der die Sitze im Zuschauerraum erbeben lässt, inzwischen wieder in der Stadt hält, bleibt Ill durch seine Angst gefangen. Kein Wunder, sind die einen zwischen Pleite und Gier gefangen, die anderen allesamt auf Rache gestrickt:

Rächerin in eigener Sache: Ines Krug als Dürrenmatts ‚alte Dame‘ mit Stefan Migge als Butler Boby und Silvia Weiskopf als Roby (Foto: Birgit Hupfeld)

 

Während der Butler Boby (Stefan Migge) eine Kopie von Jeff Bridges als Bobby Hayes aus dem Action-Film R.I.P.D. zu sein scheint, spiegeln sich in der roboterhaften Roby (Silvia Weiskopf) gleich diverse Rächerinnen von Uma Thurman aus Kill Bill bis hin zu Scarlett Johansson in Ghost in the Shell. Und auch der Polizist im Western-Look (so sah Philipp Noack in Uniform für mich jedenfalls aus) dürfte in die Kategorie „Anspielungen, Zitate und andere bedeutungsgeladene Symbole“ gehören.

Besonders in den leisen Tönen überzeugt Sven Seeburg als Alfrd Ill, hier neben Ines Krug als Claire, (Foto: Birgit Hupfeld)

Manches davon funktioniert hervorragend – allein, um Silvia Weiskopfs Chinesisch ein weiteres Mal zu hören und sie in all ihren präzise gearbeiteten Facetten, die vom manga-angehauchten Roboter zur Meditations- und Tai-Chi-Lehrerin zur traditionell geschminkt und gewandeten Geisha (?) führen, wieder zu sehen, würde sich ein zweiter Besuch des Stücks lohnen. Anderes ist mir persönlich zu viel – ich möchte nicht rätseln „müssen“, auf welchen Film mit der Uniform des Polizisten angespielt wird oder warum am Ende Zeichenketten à la Matrix über die Videoleinwände laufen. Aber selbst, wenn mir dieser Schluss zu vage und lang war, insgesamt war es ein spannender und gelungener Abend.

 

P.S.: Dass am Ende Alfred Ill ermordet wird, dürfte ohnehin jeder wissen. Und dass entsprechend die Deutung des Stücks durch seine Inszenierung darauf hinaus läuft, dass nahezu alles käuflich ist (hier: alles außer Alfreds Selbsterkenntnis), auch. Wobei das in gewisser Hinsicht durch die Erkenntnis aufgewogen werden sollte, dass man Gerechtigkeit nicht kaufen kann, weil sie genau dadurch ihren Wert verliert.

 

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