Weihnachtstaschendiebe

Das Verbrechen ruht nimmer, und nicht nur für Taschendiebe herrscht im Advent geradezu Hochsaison. Und dass es im Weihnachtsmärchen im Theater nicht immer mit rechten Dingen zugeht, kann man sich spätestens dann denken, wenn man den Titel meines neuesten (Weihnachts)Kurzkrimis liest: Umwege zum Ruhm heißt er, erschienen ist er soeben in Killer, Kerzen, Currywurst und hier ist eine kleine Kostprobe daraus:

[….]

Tim war bereits am Hauptbahnhof ausgestiegen. Zum einen waren die Rolltreppen am Hirschlandplatz an den Wochenenden dauernd kaputt, und zum anderen genoss er es, wenn ihn der Weg zur Arbeit direkt zur Vordertür des altehrwürdigen Grillo-Theaters führte, selbst wenn er dafür an diversen Weihnachtsmarktbuden vorbei musste. Der wuchtige Bau hatte gerade seinen einhundertfünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Ehemaliges Opernhaus, säulenbewehrt, bildungsbürgerstolz, allerdings nicht in Kaisergelb, sondern verwaschenem Ochsenblut gestrichen – oder war das Dunkelrosa, gar Gedecktpink?

Davor stand der Baum aus LED-Lichtschläuchen, der bereits während der letzten Essener Lichtwochen das Fotomotiv schlechthin gewesen war. Gerade standen die Studenten aus der U-Bahn davor und machten ein Selfie zu dritt. Mit gesenktem Kopf eilte Tim an ihnen vorbei zum rechten Eingang und verschwand in der Herrentoilette im Untergeschoss des Schauspielhauses. Als er wieder herauskam, steckte seine Winterjacke im Geheimversteck, und er trug eine Weihnachtsmannmütze zum dunkelblauen Jackett. Auf dem Schildchen am Revers stand statt eines Namens „Weihnachtsaushilfsclown“. Solange er weder den Theaterleuten zu nahe kam, die alles Blauuniformierte stets für Schließer hielten, noch den Schließern selbst, die jeden ins Heer der zahllosen Hospitanten und Gäste der Kunst einordneten, der sich im Haus nur zielstrebig und selbstbewusst genug bewegte, war das die perfekte Tarnung.

Die Zuschauer akzeptierten sein geschäftiges Herumgewusel mitten im Gedränge. Manche baten ihn gar, ihre Mäntel hinunter zur Garderobe zu bringen, wenn sie spät dran waren. Bequemer war kaum an die Inhalte fremder Taschen zu kommen, vor allem, wenn man nicht gierig war. Tims flinke, aber vorbestrafte Finger entwendeten stets nur einen Teil des Bargelds, so dass die Beraubten, wenn sie in der Pause oder nach der Vorstellung das Gefühl hatten, es hätte mehr drin sein müssen in ihren Geldbörsen, nie sicher sein konnten, woran das lag. Anders als auf dem Weihnachtsmarkt gab es im Theater weder Diebeskonkurrenz noch patrouillierende Polizisten, und man war vor Wind, Wetter und Glühweinkotze geschützt.

Kurzum, Tim hatte leichtes Spiel, und genau so lief es auch heute. Bis er nach dem ersten Gong an den Grauhaarigen mit dem Herrenhandtäschchen und dem kleinen Mädchen in Rosa geriet, das einen Rentierluftballon spazieren trug. Eigentlich der typische stolze Opa, den Tim schnell wieder vergessen hätte. Jedenfalls, wenn er sich mit den zwei Zehnern zufrieden gegeben hätte, die er im Handumdrehen aus dessen Portemonnaie gefingert hatte. Doch dann verfing sich der Ballon der Kleinen im Gitter der Stahltreppe, die zu den Ton- und Lichtkabinen über der langen Theke des Theatercafés hinaufführte. Opa sprang seinem Liebling bei, und Tim musste einfach den Umschlag, den er darin bereits zuvor ertastet hatte, aus dem Herrenhandtäschchen fischen. Ein Schritt zur Seite, ein verstohlener Blick auf den Inhalt – Schweinkramfotos und eine Speicherkarte –, und Tim wollte das Zeug sofort wieder loswerden. Aber da schwankte das befreite Rentier bereits bedenklich nah an der Glastür zum rechten Seitenfoyer über den hineindrängenden Menschen. Gleich würden die Schließerinnen die Karten kontrollieren, und das Herrenhandtäschchen wäre seinem Zugriff entzogen!

„Moment“, rief Tim laut, „ich muss da … Kollegen!“ Köpfe fuhren herum, zahllose Augenpaare blickten ihn fragend an, doch als sie Jackett, Schildchen und Mütze sahen, erlahmte das Interesse, und sie ließen ihn durch. Drei, vier hastige Schritte und Tim ging vor der Kleinen mit dem Ballon, der schon den gestrengen Blick einer Schließerin an der Tür auf sich gezogen hatte, in die Hocke. „Na, Prinzessin, darf ich dir dein Rentier abnehmen?“

Das Kind blickte zweifelnd, sein Großvater drehte sich zu ihm um, ausgerechnet, als Tim ihm den Umschlag ins Täschchen schob und dabei der verdammte Chip herausfiel. „Genau“, hörte Tim da eine Frauenstimme von der Glastür, „Tiere und Ballons sind im Saal leider verboten, den bekommst du nachher unten an der Garderobe wieder.“ Und ehe er sich versah, hatte Tim in der einen Hand den Ballon und spürte in der anderen den Speicherchip.

[…]

aus: Umwege zum Ruhm, von Mischa Bach

erschienen in: Killer, Kerzen, Currywurst. Kriminelle Weihnachtsgeschichten aus dem Ruhrgebiet. hrsg. v. Almuth Heuner, Prolibris 2017, ISBN: 978-3-95475-156-3
Preis: 12.00 EUR

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