Anders lesen II

Nicht jedes Buch, an dessen Entstehung ich auf die eine oder andere Art mitgewirkt habe, lese ich hinterher, und wenn ich es doch tue, schreibe ich nur in Ausnahmefällen hier im Blog darüber. Aber bei Jutta Profijts Unter Fremden kann ich gar nicht anders, viel zu berührt und begeistert bin ich von diesem Buch, das aus Sicht einer geflüchteten Syrerin viel mehr als einen spannend und leider nur allzu realistischen Thriller erzählt.

Eigentlich will die Analphabetin Madiha nur Wort halten: Harun, ein ihr fremder Mann, half ihr auf der Flucht und nun ist er auf einmal aus der Flüchtlingsunterkunft verschwunden. Wenn das geschieht, soll sie seine Sachen an sich nehmen, so seine Bitte. Daraus entsteht die Geschichte einer Suche unter Fremden, die in Netzwerk aus Grauzonen führt und in die Gefahr.

Aber so spannend und gut gebaut der Plot ist, hinter dem eine Menge Recherche steckt, für mich liegt die ganz große Leistung bei dieser Geschichte tatsächlich in der Hauptfigur und ihrer Sprache, ist sie doch zugleich Ich-Erzählerin:

Sein Gesicht ist so schmutzig wie die Hand, das Haar verfilzt, die Augen verklebt, aus der Nase läuft Rotz. Jetzt dringt mir auch der Geruch seiner ungewaschenen Kleider in die Nase. Es gab Zeiten, in denen ich genauso aussah, genauso stank, weil ich in meiner Kleidung schlief, sie wochenlang weder wechseln noch waschen konnte. Meine bereits zum Schlag erhobene Hand bleibt in der Luft hängen, während sich mein Herz zusammenzieht in der Erinnerung an die Zeiten ohne Dach über dem Kopf, ohne Schlafplatz, ohne ausreichend Essen, ohne Toilette, ohne Wärme. Obwohl der Junge gerade versucht hat, mich zu bestehlen, tut er mir leid. Ich hole die Bonbons aus der Tasche und gebe sie ihm. (S. 104f)

So wenig Worte braucht Jutta Profijt nur, um gleich zwei Figuren, Mahida und den jungen Dieb, den sie am Düsseldorfer Hauptbahnhof erwischt, von den ungewaschenen Haarspitzen bis in die Verlorenheit der Seele hinein zu zeichnen.

Vor mir steht die halmdünne Frau. Ihre Hand ist so unglaublich warm, dass ich mich frage, ob ihre Energie wie eine Kerze ist, deren Flamme Wärme erzeugt, aber den Wachskörper dabei verzehrt. Vielleicht ist sie heute Abend schon verschwunden. Ihre Augen sind violett, wie ich jetzt bemerke. Ihre Bemühung, mir zu helfen, und die Berührung der zwar dünnen, aber unerwartet sanften Finger sind wie heißer Tee an einem eisigen Morgen. (S. 113)

Selten gerate ich bei deutschsprachigen Kriminalromanen in Versuchung, einzelne Passagen oder Sätze der Sprache wegen hervorzuheben, rauszuschreiben, mir extra auf der Zunge zergehen zu lassen. Profijt hat Mahida nicht nur eine plausible Geschichte verpasst, warum sie zwar weder lesen noch schreiben, dafür aber ganz genau beobachten und wenigstens rudimentär Deutsch sprechen kann, sie hat für diese Ich-Erzählerin eine besondere, eigene Sprache voller Bilder, die immer wieder Kultur und Landschaft ihrer Heimat evozieren.

Ich sehe es, sobald ich es höre, denn darin bin ich geübt. Weil ich mir niemals etwas notieren kann, mache ich mir ein Bild von allem, was meine Ohren erreicht. Höre ich die Zahl ‚drei‘, sehe ich den dreiblättrigen Schildklee vor mir, den ich als Zwischenfrucht auf meinen Feldern anbaue. Höre ich das Wort ‚Haus‘, sehe ich ein Haus. Höre ich ‚Krieg‘, bin ich wieder mittendrin, höre, rieche, schmecke Schmerz, Angst, Tod, Verwesung.

Würde das aufhören, wenn ich lesen könnte? (S. 152f)

Ich war zwar vom ersten Moment an fasziniert, als ich hörte, Jutta wolle aus Sicht einer Analphabetin, der darüber hinaus unsere hiesige Kultur fremd bzw. nur aus Grimms Märchen vertraut ist, erzählen – aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie weit sie in der Lage sein würde, sich auf diese Figur einzulassen, und wie eindringlich sie deren Stimme gestalten würde. An manchen Stellen schien mir Mahida in der Tat eine Art moderne Sherezade … ich konnte jedenfalls nicht oder nur sehr, sehr unwillig das Buch beiseite legen und die Lektüre unterbrechen.

Und nun, da ich das Buch beendet habe, hoffe ich vor allem eines: dass dtv premium schlau genug ist, dieses Buch für den Friedrich Glauser Preis einzureichen. Für mich ist Unter Fremden definitiv ein Kandidat für den Preis. Spannend, relevant, ein fremder Blick aufs Vertraute und dabei so wunderbar geschrieben. Erzählende Literatur, wie sie sein sollte.

 

 

 

 

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