Verzichtbar: S.K. Tremaynes „The Ice Twins“

Wäre ich nicht stets auf der Suche nach neuer Lektüre für meine Unikurse und deshalb dauernd auf der Jagd nach tauglichen Zwillingsgeschichten, hätte mir meine Kollegin womöglich S.K. Tremaynes Thriller The Ice Twins gar nicht erst geschickt. Und obwohl es eines der ganz wenigen Bücher ist, in denen das Zwillingsthema nicht erst als Plottwist am Schluss aus dem Hut gezaubert wird – „nein, er war’s nicht, es war sein Zwillingsbruder!“ -, sondern sich durchs ganze Buch zieht, wäre das nur halb so wild gewesen.

Leider ausgesprochen unglaubwürdig und so spannend nun auch nicht: The Ice Twins

Eineiige Zwillinge stehen einander in jeder Hinsicht näher als wir anderen – vom ersten Moment an sind sie ein Paar und ihre Gene sind identisch. Was aber, wenn ein Zwillingskind bei einem Unfall stirbt, und dann behauptet das überlebende Kind plötzlich, es sei die andere?

Das ist der Ausgangspunkt von S.K. Tremaynes The Ice Twins, und der hat eine Menge für sich, was weit über ein Thrillersetting hinausgeht. Das fängt damit an, dass es unmöglich ist, objektiv eindeutig nachzuweisen, wer das überlebende Kind ist und wirft so berührende wie spannende Fragen auf: wie kann man sich von einer Schwester verabschieden, wenn sie einem bei jedem Blick in den Spiegel wieder gegenübersteht? Wie verloren muss sich ein verwaister Zwilling fühlen? Könnte die Behauptung, die andere zu sein, nicht auch ein Zeichen der Trauer sein? Und wie gehen Eltern damit um, erst recht solche, die ausgerechnet bei Zwillingen ein Lieblingskind hatten?

Diesen Fragen zu folgen und dabei die Umstände des Unfalltodes hätte ein packendes Buch ergeben können, auch ohne zwischenzeitliche Gespensterallüren und vor allem ohne den absolut an den Haaren herbeigezogenen Plot – denn dass alle wissen, die Mutter trägt Mitschuld an dem Tod, weil die Töchter über Außenbalkone zu dem Zimmer hinaufklettern wollten, um zu sehen, mit wem sie den Vater betrügt, das wäre schon albern, ohne dass die Frau all das komplett verdrängt und sich nicht mal mehr daran erinnert, deshalb in psychiatrischer Behandlung gewesen zu sein. Gäbe es einen „Preis“ für den am weitesten hergeholten Schwachsinn anstelle eines glaubwürdigen Plots, das wäre ein heißer Kandidat dafür.

Und obendrein im Wechsel aus der Ich-Perspektive der Mutter im Präsens und aus der des Vaters in der dritten Person Präteritum zu erzählen, das dann im Schlusskapitel zu brechen, um noch eine Pseudoüberraschung draufzusetzen – sorry, da rollen sich meine Fußnägel auf und ich möchte laut aufschreien. Oder das Buch durchs Fenster übern Balkon in den Garten schmeißen. Was ich aber nicht tue, denn wer wollte an diesem kalten Rosenmontag das eigene Fenster einschmeißen … und als Deutsche befördere ich das Buch natürlich ordnungsgemäß ins Altpapier. 😉

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3 Antworten zu Verzichtbar: S.K. Tremaynes „The Ice Twins“

  1. Pauline-s schreibt:

    oh, da bin ich an diesem nasskaltunmutigen Rosenmontag aber sehr, sehr froh, dass ich dieses Buch nicht geschrieben habe und dass es mir auch nicht zufällig auf den Kopf gefallen ist!

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