So viel Herzblut

„So viel Herzblut“, dachte ich gestern nach gut zwei Stunden  Premierenvorstellung „Proletenpassion“ im Grillo-Theater, und  meinte damit nur bedingt all das Blut, das in dieser Geschichtsrevue der linken Art von den Bauernkriegen bis ins 20. Jahrhundert fließt. Sondern vor allem die Leidenschaft, die aus fünf Theaterprofis und rund 20 Laiendarstellern ein ganz besonderes Ensemble macht.

Begeistert aus dem Dunkel ins Licht: der Chor (Foto: Martin Kaufhold)

Das ist Bernd Freytag und Mark Polscher, dem zweiköpfigen Regieteam des Abends, wirklich gut gelungen. Aber warum die Essener Inszenierung des Rockoratoriums der Band die „Schmetterlinge“, das 1976 bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wurde, ausgerechnet auf die Musik verzichtet, erschließt sich mir nicht. Acapella zu singen, das dürfte für Nichtgesangsprofis ungefähr so schwer sein wie ein Instrument ganz neu zu lernen und dann damit auf eine Bühne rauszugehen.

Doch genau das passiert in Essen: Der Acapella-Gesang der Solisten ist in vielen Fällen sogar richtig gut, manches Mal höchst berührend, aber wenn sie alle im Chor singen, sind da stets einzelne Stimmen, die nicht passen, was sich in meinen Ohren wie Zahnweh anfühlt. Und zwischendrin traktieren die Akteure die Instrumente dann wild – was wie die typische Kakophonie klingt, wenn sich ein Orchester einstimmt. Laut, chaotisch, lärmend – und das jedes Mal sehr viel länger, als man es ertragen mag.

An den Kanonen der Pariser Kommune: Lisan Lantin und Henriette Hölzel (Foto: Martin Kaufhold)

Dafür ertragen nur manche der Texte, von der Musik beraubt zu sein. Die chorische Version von Heinrich Heines „Die Weber“ hat Klasse. Aber bei anderen Texten wird so nur deutlich, dass sie eigentlich zu dünn sind, um allein für sich zu stehen. Da muss man gar nicht gekommen sein, um die Musik der „Schmetterlinge“ aus den 1970ern wiederzuhören, um im Wortsinn ent-täuscht zu sein.

Natürlich hat das Ganze leuchtende Momente, auch witzige oder komisch-böse Szenen wie die mit Herrn von Thyssen und Herrn von Krupp.

Herr von Thyssen (Henriette Hölzel) trifft Herrn von Krupp (Aliss Wiesemann) zur bitterbös komischen Slapstickeinlage (Foto: Martin Kaufhold)

Aber alles in allem ist es ein ungemein anstrengender Abend, der das Publikum nicht packt. Etwa zehn Menschen gingen während der laufenden Vorstellung, und unruhig blieb der Saal die meiste Zeit. Am Ende applaudierten die einen, während andere bereits im Schlussblack aufstanden und gingen, und die dritten, nun, die pfiffen und buhten.

Und ich saß da, schockstarr, regungslos, und dachte nur „so viel Herzblut, und alles umsonst, das darf doch einfach nicht wahr sein.“ Weshalb ich, die ich ganz und gar nicht warm wurde mit dem Abend (der kein Stück besser wird durch die überflüssigen, verschliffenen, eingefügten neuen Texte, das sei noch der Vollständigkeit halber erwähnt), der ohne Spannungsbogen verpufft, froh bin, dass immerhin die Deutsche Bühne begeistert von ihm ist.

 

 

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