Ziemlich beste Krimis

Polizistenmord und organisierter Kindesmissbrauch, Online-Hype und Fenstersturz, sowie ein Rabbi, der in Zürich in eine Mordermittlung und dabei auch zwischen die Fronten der drei Buchreligionen gerät – mit diesen Themen beschäftigen sich die Kriminalromane von Monika Geier (Alles so hell da vorn), Ellen Dunne (Harte Landung) und Alfred Bodenheimer (Ihr sollt den Fremden lieben), die eines gemeinsam haben: sie alle waren dieses Jahr für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Roman nominiert.

Monika Geiers Bücher spielen dezidiert in der Provinz und dabei zugleich auf eine ganz eigene Art im Hier und Jetzt, nahe der Realität der Lesenden – nur dass sich unter, neben, hinter dieser Abgründe auftun, bei denen nie ganz klar ist, wer welche Rolle hat:

In Pirmasens war es dann so, wie es eben ist, wenn Drama auf Bürokratie stößt: irgendwie unbefriedigend.

Was für ein Satz – lakonisch, originell, und ziemlich deutsch, wer hätte den nicht gerne selbst geschrieben? Und weiter:

Erst mal erwies es sich als schwierig, überhaupt einen Parkplatz zu finden. Die Straßen rund um die Pirmasenser Zentralwache standen voll mit Autos und Kleinbussen aller möglichen Medienvertreter. Das Interesse an dem Fall war riesig: Die kleine Meggie kehrt nach einem Jahrzehnt zurück und richtet den Schuldirektor! Nichts anderes lief mehr auf sämtlichen Kanälen. Dass die mutmaßliche Meggie zuvor in Frankfurt zwei weitere Menschen erschossen hatte und vor allem unter was für Umständen, das war bislang noch nicht durchgedrungen. Zumindest nicht bis in die Nachrichten, die Bettina gehört hatte, bevor sie genervt das Radio ausschaltete. Auf die Pressekonferenz, die für heute Vormittag direkt nach der ersten richtigen Dienstbesprechung der Soko Gutvatter anberaumt war, durfte man gespannt sein. Bettina hoffte inständig, dass Ackermann und vor allem seine Familie nicht Teil dieses Zirkus wurden. Wenn KHK Freunscht und sein Pressesprecher es klug anstellten, musste auch keiner etwas von Ackermanns Rolle in dem Drama erfahren. Flüchtige erschießt uniformierten Polizisten, das hörte sich nicht ehrenrührig an und entsprach trotzdem voll und ganz der Wahrheit.

(Alles so hell da vorn, S. 201)

Aber so einfach ist es natürlich nicht, erst recht nicht, wo Monika Geier eines wirklich bewunderns-, nein: nominierenswert gut kann, nämlich Plotten. Selbst als erfahrene Krimileserin und -schreiberin werde ich mitgenommen, gehe ich jeden Schritt mit Bettina, der Ermittlerin mit, werde hin und hergeworfen von Erkenntnissen und Fehleinschätzungen, so dass es ganz schön schwer wird, das Buch aus der Hand zu legen, bevor man am Ende angekommen ist. Dafür nehme ich in Kauf, dass die bei Geier gewissermaßen „traditionelle“ zweite Perspektive, hier die Innensicht der „mutmaßlichen Meggie“, eigentlich überflüssig ist, denn die Geschichte wäre ohne sie genauso gut, womöglich sogar noch stärker.

Auch Ellen Dunne erzählt „Harte Landung“, den ersten Fall von Patsy Logan aus zwei Perspektiven: was zunächst wie ein weiterer im Präsens geschriebener Prolog des Opfers kurz vorm Tod aussieht, erweist sich nach einem Zeitsprung als eingestreuter, zweiter Strang, der den letzten Tag im Leben der Toten nachzeichnet. Gebraucht hätte es den nicht, stellenweise kommt es einem sogar so vor, als werde man als Leser an die Hand genommen, damit man auch ja nichts wichtiges verpasst. Und interessanter ist die irisch-deutsche Kommissarin, die Ich-Erzählerin, die alles, bloß nicht nach Irland will, weil sie nicht nur mit ihrer Vergangenheit ringt, sondern auch mit der schwer erklärbaren, aber nützlichen Eigenschaft, gelegentlich Gedanken lesen zu können. ohnehin. Was Dunne aber ganz wunderbar kann und mich auf weitere Abenteuer mit Patsy Logan gespannt macht, ist deren schaarfes Auge und ihre ebensolche Zunge:

Sein Alter war schwer zu einzuschätzen, irgendwo im Grenzbereich zwischen den späten Zwanzigern und dern frühen Dreißigern. Er war nicht viel größer als ich, nicht besonders durchtrainiert. Trotzdem ein erfreulicher Anblick. Breiter Kiefer mit spitzem Kinn, seine Haut olivfarben, die dunklen Locken auf ein beherrschbares Maß zurecht gestutzt, doch länger als der übliche Polizistenschnitt. Er war randvoll mit einer Energie, die in mir mit jedem Tag, jeder Woche weiter auf einen kritischen Pegel abzusinken drohte. Jeans, Hemd und ein Jackett, das irgendwie geliehen aussah. An einem Umhängeband baumelte ein Dienstausweis. Fehlte nur noch ein Superman-Cape. Ein Frischling, wie er im Buche stand. Zu meinem Ärger mochte ich ihn sofort.

(Harte Landung, S. 177)

Schade eigentlich, dass es sowohl Patsy als auch Detective Sergeant Ben Fergusaon nur auf dem Papier gibt 😉

Wäre Alfred Bodenheimers „Ihr sollt den Fremden lieben“ nicht mit den anderen Glauser-Büchern des Jahres zu mir gekommen, ich hätte ihm in der freien Wildbahn der Bücher auch als Zürich-Krimi und vor allem als Buch, in dem ein Rabbiner ermittelt, begegnen können. Und die Schilderungen des jüdischen Lebens in Zürich sowie die Annäherungen an das Denken des Rabbiners machten beim Lesen durchaus Spaß. Interkulturelle Missverständnisse, die haben was, darüber nachzudenken, ist spannend. Allerdings kann man das von dem Plot nich sagen, der war für mich leider vorhersehbar. Was mich nicht unbedingt davon abhalten würde, ein weiteres Buch mit Rabbi Klein zu lesen, wenn es denn den Weg zu mir fände 😉

 

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