Schokolade für den Staatsanwalt

Wenn es etwas gibt, was immer geht, dann wohl Schokolade. Für mich am liebsten so dunkel wie möglich,  gern auch mal mit herzhafteren „Einlagen“ wie Salzmandeln, während andere lieber in Vollmilch oder Marzipan schwelgen mögen. Was aber, wenn der Staatsanwalt dieses „schwarze Gold“ immer wieder auf dem Dienstschreibtisch vorfindet, anonym eingesandt?

Schokolade für den Staatsanwalt

von Mischa Bach

Samtenes Dunkelblau verlieh der flachen Schachtel ungeheure Anzie­hungskraft. Fast unanständig schlang sich das blutrote Band, das in einer volu­minösen Schleife gipfelte, darum. Kurz an der richtigen Stelle gezogen, und das kleine Kunstwerk glitt auseinander. Vorsichtig hob Staatsanwalt Gregor Benzenberg den Deckel. Der aromatische Geruch feinster, dunkler Schokolade kitzelte seine Nase. Einen tiefen Atemzug gönnte er sich, bevor er den Deckel schloss und mit der Schachtel unterm Arm sein Büro verließ. Das ging jetzt wirklich zu weit.

Seit Wochen bekam er anonym Schokolade ins Büro geliefert. Angefangen hatte es mit belgischen Pralinen in den hellen, süßen Varianten, die seine Mut­ter Annemarie geliebt hatte, bevor sie zuckerkrank geworden war, und die er verabscheute. Später kamen Marzipan- und Nougatpralinés hinzu. Auch sie waren nicht sein Fall. Solang es bei verschrobene Pröbchen blieb – zwei Weinbrandbohnen in einer umfunktionierten Zahnstocherschachtel, ein süßes Trio leicht zerdrückt im Cellophantütchen oder, wie gestern, in einer Minitup­perdose, hatte er sich keine Gedanken gemacht, wie all das den Weg auf seinen Schreibtisch fand. Vielleicht war der edle Spender ein Mitarbeiter der Behör­de, gar eine heimliche Verehrerin? Jedes Mal, wenn er die süßen Funde auf seinem oder einem anderen Gang des Hauses unter die Leute brachte, hatte er sich umgehört, ohne dass sich ein Anfangsverdacht ergeben hätte.

Doch mit der Luxusversion in Edelbitter bekam das Schokoladendilemma eine neue Qualität: herrliche, tiefschwarze Kakaospezialitäten mit außerge­wöhnlichen, scharfen Füllungen – Ingwer, Chili, Rosenpfeffer – wie sollte er darauf reagieren? Lieblingssorten hin oder her, das halbe Pfund handgemach­ter Pralinen war mit Sicherheit sündhaft teuer gewesen und stellte somit einen Bestechungsversuch dar. Aber wer wollte ihn in Schokoladenpapier ein­wickeln und warum rückte dieser Jemand nicht mit seiner Identität raus? Wollte man ihn heimlich ködern, um ihm dann im Gerichtssaal Befangenheit und Bestechlichkeit vorzuwerfen?

Die Sekretärin – äh: Servicekraft – wusste von nichts. Die Schachtel war aus der Wachtmeisterei gekommen. Dort konnte man Gregor auch nicht weiterhel­fen. Den Geschenkkarton hatte ein Taxifahrer gebracht, und der Wachtmeister, der ihn angenommen und ordnungsgemäß abgestempelt hatte, war bereits vor zwei Stunden gegangen – ins lange Wochenende, zu einem Schweigeseminar ins Kloster. Gregor verfluchte stumm den Erfinder der Gleitzeit und sich selbst. Mit etwas mehr Disziplin hätte er sich früher aus dem Lotterbett seiner brandneuen Affäre gezogen. Ob Kim die Pralinen …? Nein, das passte nicht. Kim wusste, wie er auf den RWE-Marathon am nächsten Wochenende hinfieberte, war der doch sein Test für den traditionsreichen Lauf in Athen Mitte November. In den kommenden Wo­chen wäre Sex das einzige Laster, das er sich gestatten könnte, wollte er nicht sinnlos Zusatzpfunde erst um den Baldeneysee und dann die Akropolis rauf schleppen. Moment – was war mit Kriminaloberkommissar Knotte von der Polizeisportgruppe? Der wusste um Gregors Hang zu dunklen Sünden und dem Vorhaben, in diesem Jahr endlich wieder an die persönliche Bestzeit von 3 Stunden 30 anzuknüpfen. Wäre Knotte so perfide … ?

Ein Räuspern riss ihn aus den Gedanken. Verlegen hielt ihm der Leiter der Wachtmeisterei einen Fetzen Briefumschlag hin: „Wir hatten dieses Tupperding ges­tern. Das hat verpackt so merkwürdig ausgesehen und noch seltsamer geklun­gen, und wo Kalle mit Hanna, seinem frisch ausgebildeten Sprengstoffhund, grad drüben vorm Landgericht stand und rauchte – also wir haben Kalle auf dem ganz kleinen Dienstweg gebeten, Hanna die komische Postsendung unter die Nase zu reiben. Ich mein, wir müssen ja nicht wegen jedem Kleinschiss die Behörde dicht machen, von wegen Bombenalarm, aber ganz ohne Prüfung … jedenfalls, Hanna war richtig wild auf das Teil. Aber nicht wegen Sprengstoff … und Kalle wollte nicht, dass von der Blamage irgendwer erfährt. Sieht doch blöd aus, wenn die Jahrgangsbeste wegen Schokolade ausflippt. Aber heute früh beim Sortieren fiel mir der Schnipsel in die Hand. Das ist alles, was Hanna vom Umschlag übrig gelassen hat. Vielleicht hilft Ihnen das weiter?“

Gregor nahm den Papierfetzen und ging ins Büro zurück. Ein halber Adressaufkleber – unpersönlich, aber praktisch, sowas hatte er früher auch verwendet, allerdings als Absender. Dieser trug seinen Namen, die Adresse der Behörde und oh, falsches Dezernat. Mit den jugendlichen Straftätern hatte er bereits seit einiger Zeit nichts mehr zu tun. Das sprach gegen Knotte als Scho­koladenattentäter. Es sei denn, der wäre ein Trittbrettfahrer und erst mit der Luxusvariante des heutigen Tages eingestiegen …

Egal. Gregor betrat sein nüchternes, um nicht zu sagen langweiliges Büro im dritten Stock. Da ließ man es sich nicht nehmen, in klammen Zeiten für teuer Geld die Behörde durch einen Neubau zu vergrößern, und was kam dabei heraus? Getöntes Glas mit Stahl und Sandstein, rechteckig, praktisch aber alles andere als herausragend, schön oder repräsentativ. Innere Werte zum Aus­gleich gab’s auch keine. Abgesehen von der Sicherheitsschleuse am Eingang reihten sich Büros so einfallslos aneinander wie an der 70er-Jahre-Uni der Stadt. Nun ja, immerhin war die Staatsanwaltschaft keine Baustelle mehr … und dank der Schlichtheit der Büros, in denen man nicht mal Nägel in die Wände schlagen durfte, lenkte ihn nichts von der Arbeit ab. Obwohl – ein klei­nes Pralinchen mit Rosenpfeffer, das sollte drin sein, oder?

Gefühlte 1000 Handakten später blickte Gregor von seiner Arbeit auf und stellte erstaunt fest, draußen senkte sich die Dämmerung gnädig über den In­nenhof und alle anderen, architektonischen Sünden. Sein Kopf war leer und schwer, wie vernebelt von all der kriminellen Energie verpackt in Beamten- und Juristendeutsch. Der Stapel Unerledigtes zu seiner Rechten hatte jedoch kaum abgenommen. Damit war eine Nachtschicht zuhaus unumgänglich. Missmutig stopfte er das Diktiergerät in seine Jackentasche und griff sich die drängendsten Akten. Kurz überlegte er, die Schachtel mit den Edelkalorien­bomben auch einzupacken, doch sein Pflichtgefühl siegte.

Dachte er zumindest, denn auf dem Weg zum Aufzug begegnete er seiner Sekret – äh –Servicekraft, die sich prächtig mit ein paar Kolleginnen und dem jüngsten Referendar unterhielt. Ki­chernd winkte das Grüppchen ihm nach und seine Sekret-Servicekraft schwenk­te die blaue Pralinenschachtel hin und her: „Ich wusste gar nicht, wie lecker das dunkle Zeug sein kann. Danke, Cheffchen!“

Gut, dass in dem Augenblick der Aufzug kam und er sich keine Replik ein­fallen lassen musste. Sonst galt er als schlagfertig, aber heute hatte er nur Wat­te im Hirn. Er warf die Akten in den Wagen und fuhr erstmal zu Mutter.

[…] aus: Abmurksen und Tee trinken, hrsg.v. Ina Coelen, Leporello 2011. z.Zt. vergriffen, also nur antiquarisch zu besorgen.

 

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