Kurz und klug: The Tree of Knowledge

Nach wie vor fasziniert mich Eva Figes‚ Fähigkeit, auf wenigen Seiten ungeheuer viel zu sagen. Kunst der Konzentration könnte man das nennen. Wobei diese Formulierung bei „The Tree of Knowledge“ durchaus auch eine ironische Note hat, denn was Figes Mrs. Clarke, geborene Milton darin in acht Monologen aussprechen lässt, klingt im ersten Moment beinahe alltäglich, ja womöglich wie das Plappern eines Papageis.

Von diesem Baum der Erkenntnis konnte ich nur kosten, weil die Avon County Library ihre Ausgabe des Buches von Eva Figes eines Tages ausmusterte.

Und genau so hat sich Deborah, die Tochter des berühmten John Milton wohl gefühlt, wenn sie nächtelang dem blinden Vater lateinische und altgriechische Texte vorlesen musste, ohne auch nur ein Wort zu verstehen. Töchter zeugen und Frauen benutzen konnte der Dichter und Denker aus Cromwells Zeiten, mit ihnen sprechen, ihnen Liebe oder gar Bildung zukommen lassen jedoch nicht. Und das hat Folgen …

Ohne Mitgift heiratet sie einen Weber, und noch als arme Witwe und Großmutter erhält sie immer wieder Besuch von akademisch gebildeten Herren, Fans ihres Vaters. Manche sind auf der Suche nach Andenken an den als genial verehrten John Milton, andere suchen eher Anekdoten und sie alle wollen mit eigenen Ohren hören, welch gelehrte Texte die ungebildete Frau auch noch in hohem Alter von sich geben kann. Ohne dass sie versteht, was sie da spricht, versteht sich.

Was die Besucher sprechen oder fragen, erfährt der Leser ebensowenig wie die Antworten der Tochter oder auch der Enkelin. Eva Figes bleibt konsequent bei den Monologen der alten Frau. Aber in diesen wird ein weiter Bogen gespannt zwischen der persönlichen Geschichte der Frau und der des ganzen Landes im Bürgerkrieg. Deborah versteht es, den wahrlich ungünstigen Bedingungen so viel Bildung und Freiheit abzutrotzen, wie es nur geht, nur die Armut, die wird sie nicht los. Und je länger man ihrer scheinbar höflichen Konversation mit zumeist höhergestellten Besuchern folgt, um so deutlicher werden die unausgesprochene Wut und das Aufbegehren einer Frau, die um ihren Teil des Paradieses betrogen wurde, hinter den Worten.

Ob Kazuo Ishiguro Eva Figes gelesen hat, frage ich mich. Dann hat er vielleicht von ihr die Kunst gelernt, Ich-Erzähler in eigener Sache scheinbar ziellos daherreden zu lassen und aus all den losen Enden, die so etwas mit sich bringt, am Ende ein kunstvolles Werk zu flechten. Doch bei Figes ist das für mich noch knapper, präziser, eben kurz und klug auf den Punkt gebracht.

Was ein Glück, dass ich immerhin noch einige ihrer Bücher zu entdecken habe – selbst, wenn es die meisten davon nur noch antiquarisch gibt. Wirklich seltsam, dass ausgerechnet dieses Ausnahmetalent von der Bücherwelt vergessen worden zu sein scheint.

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